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"Wir sind allenfalls geduldet"
 
Die Radl-Initiative Leonberg will seit zehn Jahren die Welt verändern: In konkreten Schritten vor der eigenen Haustür
 
Leonberg. Seit zehn Jahren kämpft in

Leonberg ein Fahrradinitiative. "Radl aktiv durch Leonberg" (Radl) will nicht bessere Freizeitmöglichkeiten, sondern eine höhere Akzeptanz von Fahrrädern im Verkehr der Autostadt Leonberg.

Von Michael Schmidt

Schön war die Zeit. Oberbürgermeister Bernhard Schuler hatte eigens ein Dienstfahrrad dabei, vor der Stadthalle wurde zur Melodie von "Country Roads" gesungen: "Dei Stroß isch mei Stroß, vom alda Marktplatz zum Leo-Center", die Leonberger BUND-Vorsitzende Beate Junker hielt eine flammende Rede. Das war im Sommer 1996, verschiedene Leonberger hatten die erste Fahrraddemonstration auf die Räder gestellt. "Es war die Initialzündung unserer Gruppe, eine regelrechte Euphorie", sagt Stefan Güth. Zehn Jahre lang leitete er die Radl-Initiative, nun reicht er den Vorsitz an Irmgard Meurer weiter. Heute stellen die beiden mobilen Umweltschützer eines fest: "Die Förderung des Radverkehrs in Leonberg findet nicht statt. Wir sind vielleicht allenfalls geduldet." Die Initiative ist auf einen harten Kern von zehn, 15 Mitstreitern geschrumpft. Dabei ist ihr Thema keinesfalls ein Randgruppenproblem, nicht ein Feld, auf dem sich Extremsportler austoben sollen.

"Wir sind von Anfang an kein Radtouristikverein gewesen", macht Güth klar. Zwar wird jährlich eine Radtour auf einer handlichen Karte gedruckt, die Alfred Rösner pünktlich zu jedem Saisonstart austüftelt. Aber das ist bei Weitem nicht das, was die Radl-Initiative ausmacht. Nicht umsonst ist die Gruppe der Lokalen Agenda angeschlossen.

Wird Irmgard Meurer gefragt, warum sie sich persönlich auf den Drahtesel schwingt, wenn sie zwischen Ezach und Leo-Center etwas zu erledigen hat, kommt die Antwort prompt: "Aus Verantwortung für die Welt." Sie steht dazu, "ja, das klingt nach Moral, aber das soll es auch". Denn woanders als bei sich selbst könne man die Welt nicht verändern, sagt die Mutter. Und da seien eben die paar Gramm gesparte Schadstoffe bei jenem Einkaufstrip ins Leocenter genau das Quäntchen Eigenverantwortung, mit dem jeder seine Welt gestalten und dazu beitragen könne, sie zu verändern.

Umweltfundamentalisten wollen die Radl-Leute keineswegs sein: "Würde man unsere Gruppe an unserem politischen Ziel messen, dann wären wir in der freien Wirtschaft wegen Erfolgslosigkeit entlassen", bilanziert Stefan Güth sein zehn Jahre währendes Engagement. Dabei begann alles durchaus hoffnungsfroh. Im Jahre 1998 wurde der Generalverkehrsplan für die Stadt Leonberg entwickelt, die Radl-Gruppe konnte in der breit angelegten Bürgerbeteiligung ihre Vorschläge einarbeiten. "Plötzlich ging es auch um die Gesamtsicht. Auch die Fachleute bestätigten, dass in Leonberg überdurchschnittlich viele Leute im Auto fahren, weder den Bus oder das Rad benutzen noch zu Fuß gehen." Bemerkenswert war damals auch die Erkenntnis, dass 80 Prozent des Leonberger Verkehrs "hausgemacht" ist. Nur 20 Prozent gilt als reiner Durchgangsverkehr - eine Folge der weit auseinander liegenden Teilorte, aber auch der Topografie? "Die Kernstadt mit Eltingen und selbst der Altstadt ist halbwegs flach zu befahren. In diesem Gebiet wohnen auch 80 Prozent der Menschen aus der Leonberger Kernstadt", sagen beide Aktiven, die jene Mär vom fahrradunfreundlichen Leonberg nicht teilen. Entsprechend wäre für die Radl-Leute das viel zitierte Metron-Gutachten ein echter Befreiungsschlag gewesen. "Radpolitik ist Angebotspolitik", sagt Stefan Güth. Die Schweizer Gutachter hatten zwei Magistralen empfohlen, Radstreifen, auf denen für Pedaleure neben Autos Platz geschaffen wird. Von der Altstadt über den Neuköllner Platz ins Ezach und vom Ramtel an den Bahnhof wären die Hauptrouten gewesen. Wie berichtet, wird beim aktuellen Umbau des Neuköllner Platzes auf einen solchen Radstreifen verzichtet - damit fehlt das zentrale Stück des Radkonzeptes.

Aufgeben kommt für die Radl-Gruppe nicht in Frage. Lieber freuen sie sich über kleine Etappensiege. Am kommenden Freitag beispielsweise - da werden endlich am Höfinger Bahnhof kleine Radgaragen eröffnet. Zum symbolischen Preis kann man hier seinen Drahtesel parken und in die S-Bahn steigen. Irmgard Meurer blickt optimistisch in die Zukunft: "Der Gedanken der Lokalen Agenda trägt eine Konsequenz in sich: global denken, lokal handeln. Das geht mit dem Fahrrad am besten." Siehe Kommentar