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Radler im Abseits
"Nur zur Sicherheit"
 

Teilweise großer Unmut über Fahrbahnsperrungen für Radfahrer – "Stuttgart hat keine Fahrradkultur"
 
"So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt Patrick Kafka, Fahrradkurier bei "Die Radler". "Ich bin schon in einigen Städten als Kurier geradelt, aber keine ist so fahrradfeindlich wie Stuttgart."

VON HILMAR PFISTER

Wenn es um die Verkehrspolitik der Landeshauptstadt geht, reagiert Kafka sauer: "Die Radfahrer werden systematisch von den Straßen verdrängt", wirft er den Stadtplanern vor. Grund für den Ärger: Stuttgarts Radfahrer müssen immer öfter absteigen, die Stadt hat mittlerweile auf vier Kreuzungen die Drahtesel von der Fahrbahn verbannt: am Charlottenplatz, Rotebühlplatz, Arnulf-Klett-Platz und am Gebhard-Müller-Platz vor dem Wagenburgtunnel.

Auf den Fildern wurde der Flughafen-Tunnel für Radler gesperrt. Die Empörung lässt nicht lange auf sich warten: Am 10. März um 14 Uhr treffen sich Radfahrer der Region vor dem Tunnel, um dagegen zu protestieren. Wer sein Rad liebt, der schiebt? Nicht für Fahrradkurier Kafka. Schnelligkeit ist alles, im Boten-Business zählt jede Minute. Da helfen Fahrradwege auch nicht viel weiter. Denn die bleiben auch an den vier Kreuzungen weiterhin befahrbar. Für den Fahrradverkehr gesperrt sind nur die Fahrbahnen. Trotzdem sagt Kafka: "Auf der Straße fühle ich mich wohler, da gibt es klare Regeln." Auch Claus Köhnlein, Stadtplaner für den Radverkehr, ist nicht ganz glücklich mit der neuen Situation: "Eigentlich sind die Radfahrer auf der Straße gut aufgehoben", sagt er. Trotzdem würden die Sperrungen nur der Sicherheit der Radfahrer dienen. Das sei auch von vielen Radfahrern gefordert worden.

Wer auf der Straße durch Stuttgart radelt, muss künftig mehr Zeit mitbringen: Das Ab- und Aufsteigen kostet Zeit. "Dafür verbessert sich aber die Sicherheit der Fahrradfahrer", betont Köhnlein. Viel mehr Radler als früher würden sich mittlerweile über die umstrittenen Kreuzungen trauen. Stuttgart - eine fahrradfeindliche Stadt? Diesen Vorwurf will Köhnlein nicht stehen lassen. Die neue Situation an den vier Kreuzungen ließe sich nicht auf das gesamte Stadtgebiet übertragen. "Wir haben viel für die Radfahrer getan, haben Einbahnstraßen geöffnet oder Radwege gebaut." Köhnlein müsste wissen, wovon er spricht. Jeden Morgen radelt er von seinem Wohnort in Mühlhausen zum Arbeitsplatz in der Eberhardstraße. "Und ich war einer der ersten Fahrradkuriere in Stuttgart", fügt Köhnlein nicht ohne Stolz hinzu.

Beim Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) und beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) ist der Unmut über die städteplanerischen Entscheidungen groß. "Das ist ein Comeback der autogerechten Stadt", sagt Dietmar Reinborn, Vorsitzender des Bund-Regionalverbands Stuttgart. Das Argument, Stuttgart sei auf Grund seiner Lage nicht fahrradgerecht, habe Tradition in der Stadt. Reinborn fordert hingegen einen "integrierten Verkehr": Autos und Fahrräder müssten gemeinsam auf der Fahrbahn Platz finden. "Für die Radfahrer, die bisher auf der Straße gefahren sind, wird die Situation schlechter", sagt ADFC-Kreisvorsitzende Gudrun Zühlke. Fahrradkurier Patrick Kafka hat sein Urteil über die Verkehrspolitik jedenfalls schon gefällt: "Stuttgart hat einfach keine Fahrradkultur."