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Platz in der Stadt - aber für alle

von Michael Schmidt

Wer Menschen in die Stadt locken will, muss ihnen Platz geben. Und zwar mittendrin. Neu ist diese Weisheit beileibe nicht, aber wiederentdeckt, nachdem in der Moderne die Urbanität offensichtlich neu erfunden wurde. Aber die Hochhausmode ist dem Menschlichen ebenso fremd wie Stadtautobahnen, sagte Leonbergs Ehrenbürger Frei Otto einmal.

Seitdem Menschen siedeln, steht im Zentrum ihrer Sesshaftigkeit die Begegnung: Zum Wasserschöpfen, zum Handeln und Händeln. Platz für gemeinsames Leben braucht auch äußerlich, räumlich Platz. Wer sieht, wie radikal die Stuttgarter ihren betonbewehrten und verschachtelten Marienplatz abgeräumt haben, staunt. Die Lebensqualität steigt spürbar, wenn leere Flächen Luft zum Atmen geben. Selbst dort, gerade dort, wo sich haushoch Wohnungen und Handel türmen und Autos tosen. In kleinen Schritten pirscht sich die Leonberger Rathausspitze zu einem ihrer Lieblingskinder: Der neuen Stadtmitte ein ganz neues Gesicht zu geben, letztlich eine Sperrung der Römerstraße am Neuköllner Platz für Autos.

Doch leider hat die an sich erstrebenswerte Sache am Dienstag im Gemeinderat einen Geburtsfehler erlitten. Radfahrer müssen draußen bleiben aus der schönen neuen Stadtmitte. Da kann die Baubürgermeisterin noch so das Gegenteil beteuern: Der Beschluss und vielmehr die Argumente, weshalb es keine eigens für Radler markierte Schneise im Herzen der Stadt geben darf, zeugt von mangelndem Realitätssinn. Hier stimmten Autofahrer ab. Maximal noch Fußgänger, zu deren Lobby ist sich CDU-Chef Alwin Grupp erklärte.

Statt dem klugen Rat der Schweizer Gutachter zu folgen und die Basis eines flächendeckenden Radwegnetzes zu schaffen, werden die leisen und beachtlich schnellen Zweiräder zum Slalom zwischen Schulkindern, Bistrotischen und Gemüsesteigen gezwungen. Was wiederum die Attraktivität des Verkehrsmittels Fahrrad erheblich reduziert. Zur Erinnerung: Leonberg leidet nicht unter dem Durchgangsverkehr, sondern unter den 80% der Autofahrten, die Start und Ziel innerhalb des Stadtgebietes haben. Hier mehr Bürger zu menschenverträglicher Mobilität zu bewegen, würde auch mehr Lebensqualität bringen - und zwar mitten in der Stadt.