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Komfortfahrrad
Die Automatik macht am besten, was sie will
Von Hans-Heinrich Pardey

20. März 2005 Beim Auto kennt man das natürlich alles: daß in der Tiefgarage das Fahrlicht "von selbst" angeht, wenn wir losfahren, und daß bei einem Motorstopp auf Standlicht umgeschaltet wird; daß die Getriebeautomatik ruckfrei schaltet, wenn bestimmte Parameter das angezeigt sein lassen, und daß sich das Fahrwerk dem Untergrund anpassen kann. An einem Fahrrad ist solcher Komfort noch ungewohnt. "Smover" heißt das Konzept von Komponentenlieferant Shimano, das für den deutschen Markt von Fahrradherstellern wie Gazelle, Giant, Kalkhoff, Kettler, Koga Miyata, Multicycle, Steppenwolf, Villiger und Winora zu recht unterschiedlich aussehenden, aber im Prinzip ähnlichen Modellen umgesetzt wurde. Für "smart way of moving" soll das Kunstwort der Japaner stehen: Damit wird flink zu einem neuen "Lifestyle" hochgejubelt, was technisch eine elektronische Steuerung für die Dämpfungscharakteristik der Vorderradgabel und für eine selbsttätig schaltende Getriebenabe sowie eine Lichtanlage mit Nabendynamo und Helligkeitssensor ist. Ein paar Tage lang haben wir den vollautomatischen Lebensstil ausprobiert: "Do you want to smove?" fragt uns der zu Derby Cycle gehörende Cloppenburger Hersteller Kalkhoff auf der Prospektseite, die uns den "Smover Concept Di2" mit der Nexus 8-Gang-Nabe als "Flaggschiff der Kalkhoff Comfort-Serie" für rund 1700 Euro nahebringen will. Wir antworten in deutlichem Neusprech: Wot schälls? Das Beste an dieser Komfortronik ist, daß man sie abschalten kann.

Tapfer, wie man als Fahrradausprobierer zu sein hat, haben wir die Automatiken tun lassen, was sie für richtig hielten. Und man muß ihnen zugute halten: Was sie tun, tun sie unauffällig und akkurat. Nur ganz gelegentlich kracht es hinten in der Nabe, und das liegt dann meist am nicht sauber rundtretenden Menschen. Es ist beeindruckend, wie flott die Elektronik sogar an kurzen Steigungen unter Last zurückschaltet. Wenn man einfach stur weitertritt, sitzen die Schaltpunkte so genau, daß nicht mehr als ein leises Schnappen zu hören ist. Das kann man freilich auch mit Shimanos handgeschalteter Inter-8-Nabe (F.A.Z. vom 15. Juni 2004) erleben. Schön ist es hingegen, wenn man sich mit dem Smover beim Heranfahren an eine rote Ampel keinen Gedanken um die Schaltstufe machen muß, mit der man bei Grün weiterfahren wird. Wenn eins der Automatikprogramme eingestellt ist, fährt man im kleinen Gang an. Dafür sorgt im Stand Di2 - bei Shimano steht das für "Digital Integrated Intelligence" -, die elektronische Steuerung, die in einem grauen Kästchen unter dem Rahmenrohr dezent, aber unübersehbar plaziert wurde.

Die Programme bestimmen die Schaltpunkte geschwindigkeitsabhängig verschieden, und in dem Wort "geschwindigkeitsabhängig" steckt der Haken des ganzen Konzepts: Di2 ist einfach nicht darauf programmiert, daß jemand athletisch wie ein menschlicher TDI mit ordentlichem Drehmoment bei niedriger Drehzahl antritt. Immer muß man heftig kurbelnd mit höherer Drehzahl erst mal auf Geschwindigkeit kommen, damit die Automatik hochschaltet. Das mag nicht nur ökonomischer, sondern sogar sportlich effektiver sein. Tatsächlich kann man kleine Gänge mit höherer Frequenz länger treten als große mit geringerer Umdrehungszahl. Aber es kann den mit ein bißchen athletischer Körperlust radelnden Fahrer schrecklich nerven, weil er einfach gewohnt ist, sich in manchen Situationen mit purer Kraft nach vorn zu wuchten. Aber das ist eben nicht "smoven".

Wie gesagt: Ein paarmal Drücken auf den schick gestalteten Bedienknöpfen am Lenker, und man darf mit "+" und "-" wieder selbst schalten. Was man eingestellt hat und was sonst noch interessieren könnte, zeigt das "Flight Deck", ein Display von annähernd halbem Postkartenformat. Dort sieht man auch, wie die Federung eingestellt ist. Wenn man es nicht sähe, würden einem die Unterschiede nicht sonderlich auffallen. Zusammen mit der gefederten Sattelstütze von Kalloy (SP 379/380) ist die Abstimmung stets schlichtweg komfortabel: nicht zu weich, nicht zu hart, einfach gut. Da wir gerade beim Sitzen sind: Mit dem Sattel "Zeta Comfort" von Selle Italia ist Kalkhoff ein Meisterstück der Tiefstapelei gelungen: Der Sattel ist mit echtem Leder bezogen, das so verarbeitet wurde, daß es aussieht wie Wachstuch.

Wenn man hoch zufrieden die Federung tun läßt, was sie will, weil sie es sehr gut macht, dann sollte man es mit der Beleuchtung genauso halten: als Scheinwerfer ein "Lumotec Topal", als Rücklicht ein "D'Toplight XS", beides mit Standlichtfunktion, gespeist von einem Nabendynamo, der im übrigen auch der Elektronik eine Batterie erspart, dazu eine vernünftige Verkabelung, das ist Fahrradbeleuchtung nach dem Stand der Technik, so wie sie sein sollte. Die Nexave Rollenbremsen von Shimano - die Schaltnabe hat erfreulicherweise keine Rücktrittbremse - greifen sehr weich; wer von einer Bremsanlage mit mehr Biß umsteigt, mag sie für etwas labberig halten. Das ist aber eher ein empfindungsmäßiges Urteil.

Daß der Kalkhoff Smover ein - wie in den Niederlanden von den Versicherern verlangtes - Ringschloß und zwei schmale Taschen im Schnitt eines Mantelschoners hat, verdeutlicht, was dieses Komfortmodell "Concept Di2" eigentlich ist: ein Hollandrad des Jahrgangs 2005. So fährt es sich auch: geradeaus mit seinem starklinigen Aluminiumrahmen durchaus flott auf Schwalbe "Marathon Plus"-Reifen mit Durchstechschutz und Reflexstreifen und ein bißchen behäbig am Berg und in den engeren Kurven. Ganz in Schwarz mit ein wenig Silbergrau am vollgekapselten Antrieb, ist dieser Smover trotz des Riesen-Displays am Lenker kein bißchen futuristisch, sondern ein gediegen-elegantes Rad, das sich vorzeigen läßt. Und das man verflucht, wenn man es die Kellertreppe hochschleifen muß: Der elektronisch vollautomatisierte Komfort wiegt annähernd 25 Kilogramm, und das ist im Alltag doch lästig viel, wenn man sich nicht ständig am Niederrhein bewegt.

Bezugsquelle: Telefon 04471/9660, Fax 966200, Internet: www.kalkhoff-bikes.de