ZURÜCK

 

40 Kilometer Glemsmühlenweg verbinden zwei Landkreise zu einem "Grünen Strohgäu''

Kein Schauer verdarb die Atmosphäre, schmälerte nicht den unvergleichlichen Zauber der Idylle mitten im Ballungszentrum - Sonntag am Mühlenweg. Vierzig Kilometer lang zieht er sich von Leonberg bis nach Unterriexingen entlang der Glems. Die Glems - einst schmutzigster Wasserlauf Württembergs, heute: Wanderer können in ihm wieder sich und Forellen sehen.

Von Karl Geibel

Stoff für romantische Dichter: 19 Mühlen an den Ufern, mit langer Geschichte und malerischem Umfeld, Wiesen, Wald und Wasser. Idealer Platz für Wanderer und Radfahrer, um die Seele baumeln zu lassen. Und gestern, am autofreien Sonntag ("Mobil ohne Auto - Autofrei Spaß dabei''), erlebten dies mehr als tausend Naturbegeisterte.

Die Tour beginnt am Leonberger Glemseck, umfährt das Vogelschutzgebiet "Schopfloch'', vorbei an der Clausenmühle am Fuße des Pomeranzengartens und den beeindruckenden Felsformationen im Landschaftsschutzgebiet "Unteres Glemstal'', hin zur Felsensägmühle, entlang dem malerischen Auwald zur Scheffelmühle.

Viele kommen, die Stille ist vorbei, die Idylle aber bleibt: Vom Morgen bis in die Abendstunden Völkerwanderung. Natur, Kunst und Gastlichkeit - einige Mühlen öffnen ihre Tore und bewirten die Gäste. Flammkuchen, Wein, Wurst und Weck in der Felsensägmühle, in der Scheffelmühle oder in der Fleischmühle.

In der Felsensägmühle und in der Scheffelmühle haust die Kunst und begeistert mit ihren Werken, melodisch begleitet vom leisen Fließen des Baches. Umrahmt von den hundert verschiedenen Grüntönen der Wiesen und Wälder. An den drei großen Kastanien, die schon groß waren als Sailer selbst noch klein, direkt am Glemsufer, bäckt der Bildhauer seinen Flammkuchen im freigestellten Pizza-Ofen. Der "halbe Sack Mehl'' ist gegen die Kaffeezeit leer, aber Wein aus dem einstigen toskanischen Domizil ist noch da. Im Atelier der väterlichen Mühle und im Garten drängen sich die Gäste, vor dem Haus die Fahrräder. Schauen, reden zum Beispiel über das etwa ein Meter hohe Relief "Das Geschöpf'', ein nackter Frauenkörper, den der Bildhauer aus einem "ländlichen'' Atelier am Klippeneck auf der Schwäbischen Alb mit nach Hause an die Glems brachte. Umlagert sind Holzschnitte, die im Atelier neben einer neuen Säule stehen, ein Holzstamm, der in Halbreliefs die Zeichen und Symbole der fruchtbaren Natur zeigt. Der Stamm soll sich zu den beiden aus großen Holzstämmen gehauenen Eulen des Höfingers Walter Hörnstein gesellen, die am vergangenen Freitag unweit der Scheffelmühle an der Höfinger Autobrücke aufgestellt wurden. Hans und Ehefrau Susanne, dazu die Schwester Heidelore Bihlmaier in ihrem Terrakotta-Atelier - in der Scheffelmühle sind Natur und Kreativität ein Bündnis.

Hans Sailer, der seit Jahren gegen den Weg als Durchfahrtstraße kämpft, um die Natur, die Kröten und Salamander zu retten, findet den Tag der Fußgänger und Radler großartig. "Eigentlich sollte dies normal sein, immer so aussehen - alle Menschen, die heute kommen, sind entspannt.''

Fröhliches Treiben am Bewirtungstisch, am alten Backofen, an den Ständen der Künstler in der Felsensägmühle: Walter Hörnstein und Isabelle McCarthy, die beiden Höfinger Bildhauer arbeiten in Akazienholz oder Stein. Die feinstrichigen Radierungen von Alida Hahn-Seidl und die Holzschnitte von Doris Holzknecht, beide aus Leonberg, vermitteln Naturthemen. Aus alten Metallteilen schweißt der Weil der Städter Werner Humberg bewegliche Phantasievögel. Konstruktiv - daneben zerstäubend die gemalten Form(al)auflösungen der Leonbergerin Edeltraud Eisenhardt. Vielfalt.

Das dicke Lob der Landräte Haas und Maier, von Leonbergs Oberbürgermeister Bernhard Schuler für den Glemsmühlenweg ist an diesem Nachmittag von vielen oft zu hören. Direkt an der Grenze beider Kreise, an der Fleischmühle, durchschneiden am Mittag die Repräsentanten der Kreise und der Gemeinden das Sperrband und geben den Weg frei. Hemmingens oder Gerlingens Bürgermeister Werner Nafz und Georg Brenner sind unter anderem bei dem Tross der Radfahrer, viele Kommunalpolitiker darunter, der von der gastfreundlichen Fleischmühle auf Tour geht. Für alle, so scheint es, viel Spaß. Der Blick zum Himmel ist vergessen - Erholung in geschützter Natur. Vor der Haustür, doch fern vom nahen Trubel.